Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld

»Nationalökonom und Soziologe, * 13.11.1868 Wien, † 19.10.1958 Frankfurt/Main. (katholisch)

Gottl studierte Nationalökonomie in Wien, Berlin und Heidelberg (1897 Promotion, 1900 Habilitation). 1902 erhielt er einen Ruf an die TH Brünn, 1908 an die TH München, 1919 auf den Lehrstuhl für Theoretische Nationalökonomie an die Universität Hamburg, 1924 an die Universität Kiel und 1926 an die Universität Berlin (1936 emeritiert).

Gottl ging als Schüler von Karl Knies (Heidelberg) aus der Älteren historischen Schule der Nationalökonomie hervor. Mit Max Weber und Werner Sombart gehört er zu jenen Forschern, die sich die Verbindung von ökonomischer Theorie und Geschichte, aber auch von ökonomischer Theorie und Soziologie besonders angelegen sein ließen. Schon der literarische Erstling, ›Der Wertgedanke, ein verhülltes Dogma der Nationalökonomie‹ (1897), läßt die Richtung erkennen, die für Gottl bis zu seinem Ende bestimmend bleiben sollte: Kritik an der bestehenden ökonomischen Theorie; Bemühung um die Grundlegung der Sozialwissenschaften überhaupt; Entwurf einer ›reifen‹ Theorie der Wirtschaft auf dieser Grundlage. Gleich Max Weber und Werner Sombart der ›verstehenden‹ Betrachtungsweise zuzurechnen, orientierte sich Gottl früh an Wilhelm Dilthey, zumal an dessen Versuchen zur Erhellung des Aufbaues der gesellschaftlichengeschichtlichen Welt. Nicht nur das zweibändige Werk ›Wirtschaft und Wissenschaft‹ (1931), auch vorausgegangene Veröffentlichungen können als eine Verwirklichung dessen angesehen werden, was Dilthey als ›Kritik der historischen Vernunft‹ vorschwebte. Indem Gottl nach dem ›Unwandelbaren‹ des ›Geschehenszusammenhanges der Geschichte‹ fragt, wird er darüber hinaus zu einem frühen Wegbereiter einer kritischen Ontologie. Der an Originalität und geistiger Kraft etwas schwächere umfangreiche Spätling ›Ewige Wirtschaft‹ (1943) ist Niederschlag dieser Zielsetzung. Eine Sonderstellung – verglichen mit Sombart, Max Weber|und anderen – nimmt Gottl in der Werturteilsfrage ein. Werturteile, mag es sich um Gesinnungs-, Geschmacks-, um ethische oder politische Urteile handeln, sind für Weber und Sombart immer ›subjektiv‹ und stehen darum außerhalb der Wissenschaft; Gottl dagegen war um den Nachweis bemüht, daß für die ›ontologischen Werturteile‹, die im Werturteilsstreit nicht in den Blick getreten seien, Wissenschaftlichkeit in Anspruch genommen werden dürfe.

Der Widerstand gegen Gottls Grundlegung der Sozialwissenschaften wie gegen seine Sacharbeit war – ausgenommen das Buch ›Technik und Wirtschaft‹ (1914, 1923) – zeit seines Lebens groß, wenngleich es nicht an lebhafter Zustimmung mangelte. Abgesehen davon, daß Gottl bei großer Sprachgewalt und Sprachkunst seinen Einsichten oft ein Sprachkleid gab, das das Verständnis erschwerte, tendiert seine wissenschaftliche Absicht zu einer Kulturtheorie der Wirtschaft, während die traditionelle ökonomische Theorie instrumental orientiert ist und sich überdies in zunehmendem Maße der mathematischen Betrachtungs- und Darstellungsweise bedient. Wie groß auch von beiden Seiten die Differenz der Betrachtungsstandpunkte gesehen werden mag, eine Verknüpfung der beiden Positionen erscheint durchaus möglich.«

Weippert, Georg, in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 681 f.

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