Verführung und Anpassung

Zur Logik der Weltanschauungsdiktatur

2004. 229 S.
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64,00 €
ISBN 978-3-428-11255-5
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Beschreibung

Über Jahrhunderte hinweg haben Menschen aus tradierten religiösen Texten und deren Interpretationen Antworten auf existentielle Fragen bezogen: nach dem Sinn ihres Lebens, nach dem moralisch Guten, nach einer ethisch legitimen gesellschaftlichen Ordnung, nach einer Hoffnung angesichts der Endlichkeit des Daseins. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse und kritisches Denken haben die Glaubwürdigkeit der religiösen Erzählungen in Zweifel gezogen und damit vor allem ihre Wirksamkeit als Sinn- und Heilsspender verblassen lassen.

Aus diesen Zusammenhängen erklärt der Autor die enorme Wirkmächtigkeit sowohl der kommunistischen als auch der nationalsozialistischen Weltanschauung sowie den - im doppelten Sinne - ungeheuren "Erfolg" der Weltanschauungsdiktaturen des 20. Jahrhunderts. Weder der Kommunismus noch der Nationalsozialismus wurden zwar mit der Absicht ins Werk gesetzt, das für den modernen Menschen charakteristische Verlangen nach Sinn, Gewißheit und Zuversicht zu stillen, beide gewannen aber auch deshalb Zustimmung, weil sie weltanschaulich gestützte Bewegungen verkörperten, an denen zu partizipieren dem einzelnen die Befriedigung unbefriedigter Bedürfnisse versprach.

Als Diktaturen mit säkularen Weltanschauungen vermochten sie zwar letztlich nur Ersatzlösungen anzubieten, ausschlaggebend für ihren Überzeugungserfolg war jedoch, daß sie Lösungswege für Probleme vorschlugen, die die Massen umtrieben. Sie gaben - so die forschungsleitende Hypothese - dem Streben vieler einzelner Richtung und Sinn und entsprachen dem Bedürfnis nach Gemeinschaft und Wir-Gefühl. Diese Möglichkeit, existentielle Sehnsüchte von Menschen in Zustimmung zu einer politischen Programmatik zu transformieren, liegt gleichsam in der Logik von Weltanschauungsdiktaturen. Dem Verständnis dieser "Logik" ist dieses Buch gewidmet.

Dabei versucht der Autor zum einen der Gefahr zu entgehen, idealtypische Kennzeichnungen, wie sie aus dem totalitarismustheoretischen Denken bekannt sind, unvermittelt auf die Realität anzuwenden und zum anderen der verbreiteten Neigung zu widerstehen, die soziale Praxis des diktatorischen Sozialismus ausschließlich durch ihre Defizite und Mißstände zu charakterisieren.

Inhaltsübersicht

Inhaltsübersicht: I. Herrschaft und Konsens - Über Anziehungskraft und Stabilität von Weltanschauungsdiktaturen - II. Glaube und Gewißheit - Über die Bekehrung zur Weltanschauungsdiktatur - III. Bevormundung und Demotivation - Über Charakteristika einer einst realen Weltanschauungsdiktatur - IV. Alltag und Anpassung - Über die Lebenswirklichkeit in einer Weltanschauungsdiktatur - V. Zusammenbruch und Untergang - Ursachenanalysen und Erklärungsansätze zum Verschwinden einer Weltanschauungsdiktatur - VI. Deutungen und Beurteilungen - Über paradoxe Zumutungen nach dem Ende einer Weltanschauungsdiktatur - Anhang - VII. "Was von der DDR bleibt" - Interview - VIII. "Die Verführungskraft des Totalitarismus" - Interview - Literaturverzeichnis - Personen- und Sachregister

Pressestimmen

»Der unscheinbare graue Band entpuppt sich als bemerkenswerter Fund. Er enthält exzellente Passagen über die Funktionsmuster von Weltanschauungsdiktaturen, die aus der Perspektive der Bedürfnisbefriedigung verfasst und theoretisch fundiert sind. Zudem lässt sich trefflich streiten über Lothar Fritzes neuartige Erklärung des Untergangs der DDR. Sowohl inhaltlich als auch analytisch gilt es, sich an dem vorgegebenen hohen Niveau zu orientieren.«
Michael v. Prollius, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 7–8/2006

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