Die Hallstein-Doktrin

Der diplomatische Krieg zwischen der BRD und der DDR 1955-1973. Aus den Akten der beiden deutschen Außenministerien

2001. 404 S.
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ISBN 978-3-428-10371-3
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Beschreibung

Obwohl die "Hallstein-Doktrin" lange Jahre ein erbitterter außenpolitischer Zankapfel der beiden deutschen Staaten war, wurde sie in der Literatur bisher kaum behandelt. Der Autor, der selbst als Botschafter im Bonner Auswärtigen Dienst tätig war, schildert hier erstmals anhand der Akten beider Außenministerien die Entstehungsgeschichte der Doktrin, vor allem jene Bonner Botschafterkonferenz, auf der Ende 1955 die Konsequenzen aus Adenauers Moskaureise gezogen wurden.

Der Kanzler hatte dem Nebeneinander von zwei deutschen Botschaften in Moskau zugestimmt. Dies war in Einklang zu bringen mit der These vom "Alleinvertretungsrecht" der Bundesrepublik. Zunächst wollte Bonn nur die diplomatische Anerkennung der DDR verhindern. Daraus wurde später ein weltweiter Kampf gegen jede Art der "Aufwertung" der DDR. Ein enormes Aufgebot an menschlichen Energien und finanziellen Mitteln wurde darauf verwandt, sich gegenseitig die Legitimation als Vertreter des besseren Deutschland streitig zu machen. Hauptsächlich ging es dabei um die DDR-Fahne in den Messehallen und Sportstadien der Dritten Welt, um die Olympiamannschaften und internationalen Kongresse. Lebendig und anhand vieler Beispiele aus den Akten beider Seiten beschreibt Kilian, wie sich die deutschen Auslandsvertretungen im alltäglichen Grabenkrieg mit den Auswüchsen der Hallstein-Doktrin herumplagten und welche bizarren Situationen dabei entstanden.

Neben der Geschichte der Hallstein-Doktrin wird auch die Entwicklung der allgemeinen Ost/West-Politik in jenen Jahren beschrieben, bis hin zum gemeinsamen Einzug der Außenminister Scheel und Winzer in die UNO im September 1973. Die Doktrin hatte im Schatten der globalen Entspannungspolitik ihren Sinn verloren und stieß bei den westlichen Alliierten Bonns schon längst auf zunehmendes Unverständnis. Der Autor stellt zum Schluß die Frage, welche Nachwirkungen die Deklassierung der DDR und ihrer Bewohner durch die 18 Jahre währende Hallstein-Ära auf das heutige Verhältnis der alten und neuen Länder im vereinten Deutschland hat.

Werner Kilian, geb. 1932 in Mainz, Jurastudium in Bonn und Berlin, Völkerrechts- und Politikstudien in Genf. Assessor. Dissertation im internationalen Seerecht. 1961-1997 im Bonner Auswärtigen Dienst mit Auslandsstationen in Paris, London, Kabul, Bukarest, Harare, zuletzt Leiter der Ausbildungsstätte des Auswärtigen Amts im Treptower Park für Jungdiplomaten aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks.

Inhaltsübersicht

Inhaltsübersicht: I. Die Entstehung der Hallstein-Doktrin - II. "Wir sind auch wer" - Zur Deutschland- und Westpolitik der DDR - III. Alternative der "Finnlandisierung"? - Die Gleichstellung der beiden Handelsvertretungen in Helsinki und der Beobachterdelegationen bei der Genfer Außenministerkonferenz 1959 - IV. Jugoslawien und Kuba - Die ersten Anwendungsfälle der Hallstein-Doktrin - V. Ghana - Der deutsch-deutsche Alltag im Land des "Osagyefo" - VI. Guinea - oder der Botschafter, der eigentlich doch keiner gewesen sein sollte - VII. Die ägyptischen Plagen - Die Nahostkrise und der Schiffbruch der Hallstein-Doktrin - VIII. Ceylon - Die Hallstein-Variante des Jahres 1964: Die Politisierung der Entwicklungshilfe - IX. Der Ausnahmefall Sansibar - Tanganyika + Sansibar = Tansania oder was von einem Geschwindigkeitsrekord der DDR blieb - X. Zypern - Eine Insel für Kreuzritter - XI. Das fünfmarkgroße Spalteremblem - Der Sport und das Deutschlandproblem - XII. Der deutsche Sitz in den internationalen Organisationen - XIII. Der Londoner Zeiss-Prozeß - Die hohe Schule der Nicht-Existenz - XIV. Gab es auch eine asiatische Hallstein-Doktrin? - XV. Von der Hallstein- zur Scheel-Doktrin - Die Wandlungen der Deutschlandpolitik von 1955 bis 1973 - XVI. Der gemeinsame Einzug in die UNO - Schlußwort - Zeittafel zur Hallstein-Doktrin - Verzeichnis der zitierten Literatur - Personen- und Sachregister

Pressestimmen

»In seiner gründlichen Untersuchung erbringt Kilian den Nachweis, daß wesentliche Elemente der Hallstein-Doktrin bereits vor Adenauers Moskau-Reise im Auswärtigen Amt ausgearbeitet worden sind. Der ›grundlegende Erlaß zur Hallstein-Doktrin‹ erging dann im Gefolge einer Botschafterkonferenz vom 8. Dezember 1955. An einer Vielzahl von Fallbeispielen veranschaulicht Kilian die Anwendung der Hallstein-Doktrin durch die Bundesregierung bis in die Anfänge der 1970er Jahre und arbeitet dabei heraus, welche Politiker sich für ihre entschiedene Anwendung stark machten. […] Kilian stellt abschließend die Frage ›nach Sinn und Nutzen der Hallstein-Doktrin‹. […] Abschließend bezeichnet er die Hallstein-Doktrin als ›ein Geschöpf ihrer Zeit, in der man es auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs noch für möglich hielt, daß es einen dritten Weltkrieg gegen könnte, einer Zeit der rigorosen Abschottung von Ost und West‹.«
Udo Wengst, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 4/2007

»Kilian verschafft mit seinem Buch einen kenntnisreichen Einblick in außenpolitische Aktivitäten, beurteilt mit Schärfe damalige Versäumnisse und gewährt eine Teilnahme an komplexen internationalen Verfahren jener Zeit, die in der klugen Zusammenfassung gebündelt sind: ›Diese Ansicht, dass eine Anerkennung auch eine politische oder gar moralische Billigung voraussetze, wurde und wird von den meisten anderen Staaten nicht geteilt. Sie halten die Anerkennung für eine Art von Registrierung, dass nämlich ein weiterer Akteur auf der internationalen Bühne zu den bisher vorhandenen Staaten hinzugekommen ist, ob man ihn nun mag oder nicht.‹ [...] ›Die Isolierung der DDR brachte die deutsche Einheit keinen Schritt näher und besserte nicht das Los der Menschen, die in ihr leben mussten.‹ Diese Einschätzung zu erläutern und uns heute verständlich zu machen, ist das ganz besondere Verdienst von Werner Kilian und seinem äußerst lesenswerten Band.«
Hagen Richmann, in: Das Parlament, 34-35/2001

»Dieses Buch sollte man gelesen haben. Werner Kilian weiß, worüber er schreibt. Von 1961-1997 gehörte er selbst dem Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik an und war als Diplomat in Paris, London, Kabul, Bukarest und Harare tätig. […] Auf der Grundlage der Akten der Außenministerien beider deutscher Staaten untersucht er ein außenpolitisches Konzept der Bonner Regierung, das wie kein anderes das deutsch-deutsche Verhältnis im Ausland bis zum Beginn der 70er Jahre bestimmt hat: die Hallstein-Doktrin. […] Kilians Arbeit [...] ist ein – in der wissenschaftlichen Welt – seltenes Lesevergnügen.«
Jana Wüstenhagen, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 3/2002

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